“ Musik für Demokratie und Vielfalt“ – mit Rede von Rösrath for Future
Am 31.08.2025 fand vor knapp 1.000 Teilnehmer:innen die Kundgebung „Musik für Demokratie und Vielfalt“ statt. Organisiert hatte dies das Bündnis für Demokratie in Rösrath. Die Organisator:innen hatten ein buntes Programm aus bekannten Kölner Größen wie Stefan Brings und Klaus der Geiger sowie lokalen Bands wie Mixtape C90 zusammengestellt: eine großartige Leistung! Zwischendurch gab es Redebeiträge, die die Bedeutung von Demokratie und Vielfalt hervorgehoben haben. Besonders eindrucksvoll war der Erfahrungsbericht von Crina aus Migrantinnen-Sicht. Auch die Schüler*innen der Gesamtschule zeigten, dass der Einsatz für Demokratie über alle Generationen vertreten ist. Miriam von Rösrath for Future durfte in ihrem Redebeitrag aufzeigen, wie Demokratie und Klimakrise zusammenhängen und wie psychologische Mechanismen uns beim gefährlichen Verdrängen helfen.



Hier findet ihr die Rede von Miriam im Wortlaut:
Wir sind heute hier, um für unsere Demokratie in Rösrath einzustehen. Wir wollen keinen Stadtrat, in dem rechtsextremes Gedankengut immer mehr Sitze bekommt. Wir wollen keine Stadt, in der eine rechtes Gedankengut öffentliche Räume einnehmen kann. Wir wollen eine Stadt, in der sich alle Menschen wohlfühlen können und niemand ausgeschlossen wird.
Ich stehe heute hier als Klima-Aktivistin und will auf den Zusammenhang zwischen Klimakrise und Rechtsruck hinweisen. Denn, wenn wir für Demokratie und Antifaschismus einstehen, müssen wir die Klimakrise mitdenken!
Um das zu erklären, will ich kurz ein bisschen persönlich werden.
Ich arbeite seit über 10 Jahren für den nachhaltigen Wandel unserer Wirtschaft. Ich will vor allem die ökologischen und gesellschaftlichen Auswirkungen verhindern, die eine zu starke Erderhitzung mit sich bringt. Das Zusammenleben, unsere Demokratie und eine offene Gesellschaft sind mir wichtig, eben all das wo für wir heute hier sind!
Ich bin ein Kind der 90er Jahre und ich bin mit dem Märchen von Wirtschaftswachstum, Freiheit und gesellschaftlicher Entwicklung aufgewachsen. Ich war bis in meine 30er Jahre fest davon überzeugt, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der es uns, unseren Nachkommen und der ganzen Welt immer besser gehen wird. Ich war überzeugt und auch ein bisschen bequem: wir werden die Klimakrise schon als Gesellschaft lösen. Und wir werden auch die Überzeugung beibehalten, dass Menschenrechte für alle gelten; egal welcher Hautfarbe, Sexualität, welchem Geschlecht oder welcher Religion jemand angehört - und meine Kinder werden genau das gleiche Privileg haben.
Aber dann haben mich die zunehmenden, sichtbaren Klimaauswirkungen, wie der Hitze-Sommer 2018 und die Flutkatastrophe nochmal wach gerüttelt: wir tun nicht genug, wir müssen konsequenter handeln. Diese Katastrophe hat das Ausmaß unsere Gesellschaft so stark zu belasten, dass wir und vor allem nachfolgende Generationen nicht mehr in Frieden und Freiheit leben können. Diese Katastrophe wird unsere Demokratie bedrohen.
Ich habe seitdem Angst und diese Angst musste ich zunächst verdrängen. Damit konnte ich nicht leben. Ich habe mich vor vier Jahren dem Klima-Aktivismus angeschlossen und bin Teil von Rösrath For Future geworden. Ich war immer noch so überzeugt davon, dass wir mit dem Rückenwind der Klimabewegung und der wissenschaftlichen Grundlage den Wandel schaffen würden. Ich war so sicher, dass wir im Jahr 2025 kein neues Gasfeld mehr eröffnen werden, dass wir die erneuerbaren Energien konsequent fördern und nicht wieder einschränken, dass wir ÖPNV und Fahrradverkehr ausbauen und auch im Konsum mehrheitlich ökologische Entscheidungen einfließen lassen. Diese Hoffnung hat mich gerettet, war meine unbewusste Verdrängung.
Ich vermute ihr alle kennt auch diese Angst vor der Klimakatastrophe, vor Waldbränden und neuen Fluten und wie man diese Angst immer wieder wegschiebt. Ihr kennt sicher auch die Trauer darüber, dass die Jahreszeiten sich verändern, dass Wälder und Arten aussterben, dass es keinen Schnee mehr gibt. Und weil die Angst, die Trauer und vielleicht auch Schuldgefühle so groß sind, müssen wir alle richtig fett verdrängen. Leider tun wir das viel zu gut. Wir haben uns seit ca. 2-3 Jahren kollektiv als Gesellschaft dazu entschieden, die Klimakatstrophe so stark zu verdrängen, dass Klimaschutz heute praktisch keine Rolle mehr spielt. 2019-2021 schienen wir als Gesellschaft zunächst motiviert das Problem anzugehen, aber dann haben wir gemerkt, wie groß das Problem ist und wie viel Anstrengung es bedeutet, das anzugehen. Das war zu viel.
Das hat dazu geführt, dass ich mich mit den psychologischen Hintergründen dieses Verdrängungsmechanismus beschäftigt habe. Verdrängung ist ein Abwehrmechanismus, ein Schutzmechanismus: Wenn wir merken, dass wir den Bereich des logischen Denkens verlassen, wenn wir nicht mehr rational nachvollziehen können, warum wir auf eine bestimmte Art handeln, dann ist ein Abwehrmechanismus am Werk. Dann bestimmen emotionale Prozesse unser Handeln. Das ist erst mal gut, aber darf nicht zu viel werden, dann werden wir krank und dann tun wir Dinge, die wir hinterher bereuen.
Und das, was gerade passiert, ist logisch nicht nachvollziehbar. Es ist einzig und allein durch emotionale Prozesse zu erklären: Je mehr Klimakatstrophe wir erleben, desto weniger Klimaschutz machen wir! Desto mehr müssen wir die Klimakatastrophe und unsere Verantwortung für unser Handeln, also auch Schuldgefühle, Trauer, Angst verdrängen.
Und dann gibt es diese eine Partei, die ganz genau weiß, wie sie diese Schutzmechanismen füttern kann: Die AfD schafft es mit ihren Lügen, Menschen in Sicherheit zu wiegen. Hier kommen also Klimakatastrophe und Faschismus zusammen: Die Klimakatastrophe bedroht unsere Demokratie und das Nicht-Handeln der Politik führt dazu, dass rechtsextremes, faschistisches Gedankengut an Zulauf gewinnt – aus Angst und Ohnmacht.
Nicht nur die AfD, auch andere Parteien vermitteln die Botschaft: wir müssen nichts tun, die anderen machen ja auch nichts. Der gesellschaftliche Konsens, dass wir einen Klima-Wandel weg von fossilen, hin zu erneuerbaren Energien brauchen, ist weg. Hört mal her: die Migration und Sozialleistungen sind unser größtes Problem, nur hier handeln wir konsequent. Was für ein Fehlschluss!
Die Grenzen sind seit diesem Sommer dicht, die zivile Seenotrettung wird nicht mehr unterstützt und kriminalisiert, wir schieben ab wie die Weltmeister und rechtsextreme Parteien haben so viel Zuspruch wie seit 1933 nicht mehr.
Was tun also? Nur die bewusste Auseinandersetzung mit all unseren Gefühlen kann helfen, dass wir wieder rational handeln können. Wir müssen also als Gesellschaft anfangen über die Ängste zu sprechen, die wir haben, wir müssen gemeinsam betrauern, was wir verloren haben. Nur wenn wir diesen Schritt gehen, können wir daraus gemeinsam wieder etwas Neues schaffen.
Als Mutter und Mensch weiß ich aber auch wie schwer das ist. Deswegen braucht es Zusammenkünfte wie heute. Wir brauchen Orte um gemeinsam inne zu halten und Kraft zu finden in diesen Zeiten.
Uns muss als Gesellschaft und jedem einzelnen bewusst werden, wie krank die Reaktion unserer Gesellschaft ist! Wir müssen die Augen aufmachen! Darüber sprechen, singen, nachdenken, es braucht Kulturräume, in denen wir uns austoben können und Engagement wie vom Bündnis für Demokratie, um uns gemeinsam immer wieder daran zu erinnern, dass wir hier sind und hier bleiben werden.
Ist der Wandel schwer? Ja! Aber gemeinsam, als solidarische Gesellschaft, können wir das schaffen!
